Die Story

Film- und Theaterakademie für Schauspiel, Film und Regie

Filmschauspieler Peter Lorre

Szenarium

Die sachliche, auf den offensichtlichen Fakten beruhende Erzählung der Geschichte, ohne Interpretation oder unterstellte Motivationen. Die Faktenbasis bildet den Ausgangspunkt für jede Erforschung von Tiefenschichten, schützt vor Klischees und fördert Ruhe und Disziplin im Denken. Sie legt die textlichen Grundstrukturen frei.

Mit der Feststellung der Fakten also steigt der Regisseur in die Erarbeitung des Konzepts ein – je klarer die Fakten, desto attraktiver die Tiefenschichten.

Die Fakten der Story werden in einem Szenarium festgehalten: Wo und wann geschieht was, wie und durch wen? (Die sog. fünf W-Fragen).

Stanley Kubrick




Thema



Basis der Themenfindung: die Antworten auf die obigen W-Fragen. Das daraus sich ableitende Thema ist konkret und zugleich in seiner Modellhaftigkeit zu formulieren: Orte, Zeiten, Figuren und Vorgänge werden prototypisch erfasst.

Shakespearesche Beispiele für diesen Schritt vom Offensichtlichen zum Tatsächlichen: Was wird in Troilus und Cressida tatsächlich erzählt? – Die Geschichte von Troja? Nein, vielmehr das „Modell Kriegslager“! Und worum geht es in Hamlet – etwa um das Jahr 1600? Nein, keineswegs, Thema ist das „Modell Epochenumbruch“.

Konflikt

Konflikt

Sind Story und Thema erfasst, lässt sich der Konflikt formulieren: Worum geht es, worum wird gekämpft? Also der Gegenstand des Konflikts, seine Voraussetzungen und seine Pole (Figuren), sein Höhepunkt (maximale Intensität) und sein Ausgang.

Weil Konflikte mit Motivationen zu tun haben, die dem Verhalten der Figuren zu Grunde liegen, entstehen interessante dramatische Konflikte gerade dann, wenn die Pole (Figuren) Gemeinsamkeiten oder Ähnlichkeiten aufweisen.

Der Grundkonflikt ist für jede Szene, ja jede Handlungseinheit relevant. Gleichzeitig legt die Konfliktanalyse die Hauptkampflinien, sowie die Funktion jeder Figur im Spiel bloß. Daraus kann man nun das System der dramatischen Figuren entwickeln.

Karl Valentin - Comedia Humaine

Figuren

Eine dramatische Figur wirkt auf zwei Ebenen: 
auf der Ebene der Funktion – was bewirkt die Figur im Mechanismus der Gesamthandlung?

auf der Ebene der Individualität – die Funktion wird von einer bestimmten Individualität erfüllt; Persönlichkeit und Funktion passen aber nicht immer zusammen. Die Persönlichkeit beruht auf der Biografie der Figur (vgl. dazu auch Punkt 4: Rollenanalyse). Das Verhältnis zwischen Funktion und Individualität kann stark variieren: komplexe Individualität mit komplexer Beziehung zur Funktion = Charakterfach.
Generell muss das System der dramatischen Figuren, die Spiegelungen, Parallelitäten und Komplementaritäten deutlich machen. Daraus folgen Verdichtung und Tiefe!

Daher gilt: Funktion ist etwas deutlich Definiertes, Individualität aber etwas höchst Widersprüchliches.

Andrei Tarkowski

Raum

Den Bühnenraum zu konzipieren bedeutet, von vorbereitender Analyse zu gestaltender Synthese überzugehen.

Historischer Einwurf: Der Bühnenraum ist heute nicht mehr illustrierend und beschreibend (Bühnenbild), sondern stellt sich als System von Hindernissen dar; eine essenzialisierte Miniwelt, ein Spiel-Raum, ein Instrument.

Konzipierung des Raums:

  • die topographische Logik des Raums feststellen
  • die seelische Logik des Raums beachten, sowie die Bewertung des Raums durch die Figur –

der Regisseur muss in den Raum „investieren“, d.h. ihn mit subjektiver Bedeutung belegen.

Klaus-Kinsiki

Rhythmus

Rhythmus ist ein Element der Inszenierung, durch das die Aufmerksamkeit des Publikums beeinflusst werden kann ( Rhythmuswechsel, Verdichten, Dehnen usw.).

Über richtig rhythmisierte Aktionen kann man ebenfalls zur Innerlichkeit der Figur vorstoßen.

C. Veidt - Das Cabinet des Dr. Caligari 1920

Stil

In der Zusammenfassung aller Elemente – der Stil der Aufführung:

  • “Stil” kann sich auf den vorgeführten Lebensstil der Figuren, aber auch auf den Spielstil der Schauspieler beziehen
  • “Stil” kann sich auf die Ausdrucksform einer Inszenierung (sofern diese Form einheitlich ist) beziehen

Generell: Je tiefer und sorgfältiger die vorbereitende Analyse, desto zwangloser und selbstverständlicher fixiert sich ein eigener Stil.

Ziel der in der Checkliste angeführten Analyseschritte, ist die Verwandlung des literarischen Textes in Bilder und Dynamik: den Text “verflüssigen”, um den Wahnsinn des menschlichen Geistes zu erkennen…

Ist die Checkliste abgearbeitet, brauchen Regisseur und Schauspieler ein spielbares Szenarium: der Text muss in Handlung verwandelt werden, in eine brauchbare Spielpartitur.