Erasmus-Tagebuch
von Helena Alexandra Pavlópoulos
Hospitanz in Athen bei Thomas Ostermeiers “Ein Volksfeind”
Eine Erfahrung, an die ich mein gesamtes Leben zurückdenken werde
Vom 10. September bis zum 23. Oktober durften die Absolventin Julia Reisser und ich im Rahmen eines Erasmus+ Aufenthaltes in Athen zu Gast sein und bei den Proben zu Thomas Ostermeiers Inszenierung Ein Volksfeind am Knossos Theater hospitieren – und es war eine Erfahrung an die ich mein gesamtes Leben zurückdenken werde.
Möglich wurde die Hospitanz durch Christoph Schletz, Dozent für Rollen- und Szenenstudium an unserer Akademie, der bereits seit 2009 als Regieassistent für einige Produktionen mit Ostermeier arbeitet und mich relativ zu Beginn des 2. Semesters fragte, ob ich mir vorstellen könnte, ihn im Rahmen der Produktion in Athen zu begleiten – was ich natürlich dankbar annahm.
Zwischen Vorfreude und Unsicherheit

Bevor ich Anfang September dort ankam, war meine Erwartungshaltung an die bevorstehende Zeit ambivalent. Zum einen war ich voller Vorfreude auf Athen, eine der spannendsten europäischen Hauptstädte und zum anderen freute ich mich auf den starken Kontrast zu Passau – Großstadtleben, neue Menschen, gemeinsam draußen essen, Nachtleben – und natürlich auf die Proben im Theater und die Begegnung mit Ostermeier. Gleichzeitig war ich aber auch nervös. Ich wusste nicht, wie die Menschen im Theater auf mich reagieren würden, ob ich in die Struktur hineinpasse, sogar die Frage, ob ich nicht sogar störe, da ich ja an sich keinen festen Posten hatte, für den ich bezahlt werde so wie alle anderen vor Ort. Ich fragte mich, ob ich mich eher als Gast oder als Teil des Teams fühlen werde.
Diese Unsicherheit legte sich jedoch schnell. Schon am ersten Probentag war spürbar, mit welcher Offenheit und Herzlichkeit das gesamte Team arbeitete. Als ich dort ankam war ich ehrlich gesagt erstmal total begeistert, dass die Mehrheit des Teams aus Frauen bestand. Alle haben uns sofort willkommen geheißen und sich gefreut, dass Julia und ich da waren.
Aufgaben und Einblicke in den Probenprozess
Mein Aufgabenbereich war vielseitig. Ich half beim Umbau der Bühne zwischen den Übergängen, kontrollierte Requisiten, unterstütze bei der Koordination zwischen Ton-, Licht- und Requisitenabteilung und notierte während der Proben Regieanweisungen und Kritik für die Darsteller:innen. Nach den Durchläufen durfte ich die Notizen mit Christoph an die Schauspieler:innen weitergeben. Außerdem konnte ich bei der Auswahl und Besprechung der Kostüme mitdiskutieren, was mir auch einen Einblick in die visuelle Ebene der Inszenierung gab.
Am wertvollsten war für mich jedoch die Möglichkeit, Ostermeiers Arbeitsweise direkt zu beobachten. Er arbeitet mit einer starken situativen Genauigkeit, orientiert an der Meisner-Technik – eine Schauspieltechnik nach Sanford Meisner, die stark auf situatives Reagieren zwischen den Spielpartner*innen setzt.
Für mich als Schauspielerin hat sich dadurch eine neue Herangehensweise ergeben: Anstatt von einem inneren Zustand oder einer Vorstellung der Figur auszugehen, beginne ich nun damit, die äußeren Umstände einer Szene so konkret wie möglich zu erarbeiten - und aus der Situation auf das Handeln der Figur zu schließen. Dieses Prinzip hat meinen Blick auf die Arbeit an Monologen und Szenen wesentlich erweitert und mir einen neuen Zugang zum authentischen Spiel gegeben.


Was ich von Thomas Ostermeier gelernt habe: Die Kunst, echt zu spielen

Freizeit und Theaterbesuche in Athen
Abseits der Proben blieb mir aber auch Zeit, die Athener Theaterszene kennenzulernen. Ich besuchte mit Julia zusammen mehrere Vorstellungen in ganz unterschiedlichen Häusern. Highlights waren das Amphitheater Odeon des Herodes Atticus direkt unter der Akropolis, indem wir König Ödipus schauten und das Lycabettus Amphitheater, das von einem alten Steinbruch umgeben ist, indem wir uns Antigone ansahen.



Was bleibt
Ich bin unglaublich dankbar für diese Zeit – für die vielen Begegnungen mit wundervollen, inspirierenden Menschen, die neuen Freundschaften, die entstanden sind und das Vertrauen und die Herzlichkeit, die mir entgegengebracht wurden. Und natürlich überhaupt die Möglichkeit von Ostermeier persönlich zu lernen. Die Hospitanz in Athen war für mich nicht nur eine Lernerfahrung als angehende Schauspielerin, sondern vor allem eine menschliche Bereicherung, die mich noch sehr lange begleiten wird.
