Erasmus-Tagebuch

von Caroline Bröker

Erasmusbericht über meine Zeit im Theater Kosmos in Bregenz

Im Frühjahr 2025 hat es mich für meine zweite Erasmus+-Mobilität erneut nach Bregenz verschlagen. Am Theater Kosmos durfte ich als Regieassistentin die Uraufführung “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – vom Kuchen ein TheaterStück” unter der Regie von Philip Jenkins begleiten. Dies war meine zweite Produktion, bei der ich assistieren konnte. Aufgrund der Erfahrungen, die ich am Vorarlberger Landestheater machen durfte, wusste ich schon, was mich als Regieassistentin erwartet und auch Bregenz war mir vertraut. Trotz allem ist es von Haus zu Haus natürlich unterschiedlich und so musste ich mich erstmal an das neue Arbeitsumfeld gewöhnen. Die Mitarbeitenden, die ich kennenlernen durfte, haben mir das Ankommen so einfach wie möglich gemacht und ich habe mich herzlich aufgenommen gefühlt. Da ich ein wenig später in die Produktion einstieg und alles sehr spontan war, musste ich mich erstmal sortieren: Was war bereits besprochen? Welche Szenen waren geprobt? Wo standen wir im Prozess?

Bühne und das wahre Leben verschmelzen zu einer gemeinsamen Erzählung

Das Besondere an dieser Produktion war, dass neben den beiden professionellen Schauspieler:innen (Hubert Dragaschnig und Sabine Lorenz), auch der blinde Musiker/Künstler/Performer George Nußbaumer, der 1996 am Eurovision Song Contest für Österreich teilnahm, sowie sechs Expert:innen auf der Bühne standen bzw. saßen. Für den Regisseur Philip Jenkins war diese Produktion die dritte und letzte seiner Trilogie. In den beiden vorangegangenen Stücken wurde sich mit “der Odyssee“ und “Don Quijote“ auseinandergesetzt, immer mit Expert:innen und mit professionellen Darsteller:innen. Es gab also einen „realen“ und einen „fiktiven“ Part. Schauspieler:innen verkörperten die fiktiven Charaktere und literarischen Welten, während die Expert:innen durch ihre eigene Biografie und gelebte Realität einen Kontrapunkt setzten. Für mich war es eine spannende Erfahrung zu sehen, wie diese beiden Bereiche miteinander verbunden wurden und sich so gegenseitig bestärkten und inspirierten.

„Das Zusammenspiel von Profis und Expert:innen hat das Stück zu einer spannenden Suche nach der verlorenen Zeit gemacht.“

Probenarbeit und biografische Spurensuche


Am Anfang des Probenprozesses wurde hauptsächlich mit den zwei Schauspieler:innen geprobt und mit George. George hatte ein elektronisches Gerät, auf dem er den Stücktext in Brailleschrift lesen konnte. Für mich war es total schön zu erleben, dass eine Sehbehinderung kein Hindernis ist, um auf einer Theaterbühne zu stehen und seiner Kunst, seinen Worten Ausdruck zu verleihen. Mit den Expert:innen wurden dann gemeinsam mit dem Regisseur, der zugleich Autor war, Texte erstellt über ihr Leben und über das, was sie zu erzählen haben. Die Expert:innen wurden passend zum Thema der „Recherche“ von Marcel Proust ausgewählt. Mit dabei waren zwei Franzosen (ein Bergretter und eine Person aus der Automobilindustrie), eine Waldpädagogin, ein interessierter Astronom, eine Hypnotherapeutin und eine Frau, die im zweiten Weltkrieg groß geworden ist und Lesen/Lyrik später als ihre große Leidenschaft beschreibt. Die Themen behandelten die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft, die Wahrnehmung, den Kosmos, das Leben, die Erinnerung und die Vergänglichkeit. Es hat mich sehr gefreut, über diese Bereiche einiges zu lernen und die Geschichten zu hören, da ich mich sehr für Zeit und Raum sowie die Idee von Zeitreisen interessiere.

Meine Aufgaben waren vielfältig: Soufflieren, Probenpläne und Termine kommunizieren, als Ansprechpartnerin für alle Sparten erreichbar sein und wichtige Infos weitergeben, Regiebuch führen, als Lichtdouble auf der Bühne stehen. Zudem habe ich während der Durchläufe die Texte für abwesende Personen eingelesen, für eine reibungslose Probe/Vorstellung gesorgt, die Applausordnung koordiniert und natürlich Support an jeglicher Stelle geleistet. Ich konnte da nochmal einiges lernen, da mit neun Perfomer:innen ein paar mehr Menschen koordiniert werden mussten, als bei meiner letzten Regieassistenz (dort waren es zwei Schauspieler:innen). Aus schauspielerischer Sicht lernte ich durch das Zuschauen natürlich auch Einiges und konnte aus der Regieperspektive erkennen, welche Momente funktionieren und welche nicht und dass eine gute Kommunikation zwischen Regie und Schauspiel sehr wichtig ist.

Einem Probenprozess von außen beizuwohnen, ohne selbst zu spielen, ist eine lohnenswerte Erfahrung und bereichert die eigene Schauspielarbeit.

Freizeit in Bregenz

Neben der Proben und den Aufgaben im Theater, habe ich auch die ein oder andere Vorstellung besucht. Ich habe natürlich dem Landestheater einen Besuch abgestattet und habe mir “Faust und Rechnitz (Der Würgeengel)“ angeschaut. Da hat es mich besonders gefreut, alle, die ich während meines letztes Erasmusaufenthaltes in Bregenz kennengelernt hatte, wiederzusehen! Im Theater Kosmos in Bregenz habe ich einer Buchvorstellung, einem Osterkonzert (zum Thema Shakespeare mit Michael Köhlmeier) und dem Klagenfurter Ensemble (Mit dem großen Löffel (Musil)) gelauscht und zugeschaut. Ich habe also jegliche Inspiration mitgenommen, die ich kriegen konnte. Die Zeit ging mal wieder schneller vorbei, als gedacht, aber ich bin sehr froh darüber, neue Bekanntschaften geknüpft zu haben, neue spannende Dinge gelernt zu haben, und dass ich mal wieder eine schöne Zeit in Bregenz hatte. Ich werde bestimmt demnächst nochmal wieder kommen. Mal schauen, was die Zukunft so bringt!