Erasmus-Tagebuch
von Benigna Munsi
Mein Erasmus+ Jahr Station 2 – Island
Gegen Nachmittag bin ich in Reykjavik gelandet. Von oben hatte das gesamte Land
schneebedeckt, wunderschön und eisig ausgesehen. Ich kam mit zwei großen Koffern
an – Wuhu, Erfolgserlebnis keinen Koffer-Schwund erlebt auf meiner Reise No 2.!
Dafür hatte ich auf dem Weg zu meinem neuen „Zuhause“ mit zwei Bussen, einem
falschen Ticketkauf und unfassbar viel Schnee auf den Gehsteigen und Laufwegen zu
kämpfen. Ich musste Wege doppelt laufen und einen Koffer nach den anderen tragen, wobei ich
zweimal auch mit meinem Körper flach im Schnee landete – zum Glück war ich gut
eingepackt, aber anstrengend und nervenaufreibend war es dennoch. Bei diesem
„Kampf“ habe ich aber direkt auch schon sehr nette IsländerInnen getroffen, die mir den
Busfahrer aufgehalten, meinen Koffer reingehieft und ihn im Bus festgehalten haben und
mir ermutigende und mitleidsvolle Blicke zuwarfen.
Bei meiner Ziel-Haltestelle angekommen, konnte ich nicht mehr und rief eine meiner
„soon-to-be“ Mitbewohnerinnen Inna an und fragte sie schlichtweg, ob sie zur ca. 200 m
weit weggelegenen Bushaltestelle kommen und mir mit den Koffern helfen könnte. – Sie
kam. Ich war unfassbar dankbar. Zweimal hätte ich diese Strecke wirklich nicht mehr
laufen können. „Zuhause“ angekommen zeigte sie mir die Wohnung. Ich rief kurz meine Familie an, um
ein Update von mir zu geben, dann packte ich sofort alles aus, räumte und richtete
meinen Kleiderschrank und mein Zimmer ein. Es erwartete mich ein kleines
„Willkommensgeschenk“ mit Snacks, Früchten und Kleinigkeiten von meinem
Vermieter. Als ich in der Küche auf meine 2. Mitbewohnerin Narumi traf, sie kochte gerade, erzählte
ich ihr ein bisschen von mir und von meiner Ankunft. Wir tauschten uns ein wenig aus.
Ich wollte mich gerade auf den Weg zum Einkaufen machen, da es schon Abend war und
ich noch zu Abend essen musste, da stellte mir Narumi eine Schüssel mit Pasta hin und
sagte nur „you look like you need to eat something“ Ich war so dankbar und wir aßen
zusammen. Ich ging dann nochmal eine Runde ums Haus, um mir ein bisschen die
Gegend anzuschauen. Draußen angekommen, es war inzwischen dunkel geworden, ging ich an der Küste
entlang, als ich dann mal nach oben schaute, sah ich plötzlich wunderschöne
Nordlichter – magisch -was für ein Glück ich hatte, ich nahm das als Wiedergutmachung
der Natur wegen des Schneemanövers gerne an. Ich verbrachte wohl eine recht lange
Zeit draußen, denn irgendwann spürte ich die Müdigkeit in meinem Körper und ging
heim. Dort traf ich dann auch noch meine 3. Mitbewohnerin Nadine und erzählte ihr von
den Nordlichtern. Sie ging daraufhin mit ihrer Kamera ausgestattet nach draußen,
während ich völlig erledigt schlafen ging-zu viel Krafttraining und frische kalte Luft!



Mein erster Tag im Tjarnarbíó
Am nächsten Morgen machte ich mich auf zum Theater, in dem ich nun die kommenden
zwei Monate arbeiten würde. Tjarnarbío – ein unabhängiges Theater. Ich hatte es im
August bei meinem Scoutingbesuch in Island besucht und fand es direkt charmant.– Ich
konnte kaum glauben, dass ich es wirklich geschafft hatte. Ich habe über zehn Monate
lang versucht einen Platz in Island zu bekommen, zwischendurch war ich verzweifelt,
frustriert und sogar mal sauer und habe auch durch meine Mama, die mich immer
wieder erinnert hat und durch Freunde, die nachfragten wie es mit meinem Plan: Island
stehe, schlussendlich die Kraft gehabt dranzubleiben und den Kontakt, den ich bei
meinem Besuch in Reykjavik bekam, auszubauen und meinen Praktikumsplatz
erkämpft. Snæbjörn, der Leiter des Theaters begrüßte mich und wir redeten erstmal über das, was
anstehen wird, ab wann ich in der ersten Produktion dabei bin und was ich danach noch an
Produktionen begleiten könnte. Bald darauf traf ich dann auch Hilmir, den Regisseur und
Ævar, den Schauspieler der One-Man-Show „Kafteinn Fræbar“. Das war die Produktion,
die ich die nächsten Wochen begleiten würde.
Proben, Premieren & Vokabeln - Mein etwas anderer Isländisch-Sprachkurs am Theater
Bei den ersten Durchläufen habe ich parallel zur Probe das Skript auf Englisch gelesen,
um mich in der isländischen Sprache zurechtzufinden und mir ein Bild zu machen
worum es eigentlich wirklich geht in einem Stück, dadurch konnte ich dann verbinden,
welche Szene was ist und hab das englische Skript ab dem dritten Durchlauf nicht mehr
gebraucht. In dem Stück geht es um Vaterschaft, Trennung, Verlust eines Kindes und
auch Zuversicht. Ich hatte super viel Spaß mit Hilmir und Ævar. Wir haben gut
miteinander gearbeitet und die beiden haben mich richtig unter ihre Fittiche genommen,
ich habe mich sehr wohl gefühlt mit ihnen zu arbeiten, weil sie mich als Schauspielerin
und als Mensch direkt angenommen haben. Mein Feedback wurde ernst- und dankbar
angenommen und einige meiner Vorschläge auch umgesetzt, was mich unfassbar stolz
gemacht hat. Durch dieses Stück und die Arbeit mit diesen zwei unheimlich talentierten
und liebevollen Menschen wurde ich auf einer künstlerischen Ebene inspiriert. Wir
hatten echt intensive Gespräche über ein Projekt, an dem ich arbeiten will.
Die Aufführungen besuchte ich immer und half beim Auf- und Abbau, so dass Bjarni, der
Techniker und ich schon bald super eingespielt waren. Da ich somit dieses Stück immer
und immer wieder sah, sowohl in den Proben als dann auch später alle Aufführungen,
dachte ich, ich würde Isländisch schon ein bisschen mehr verstehen. Als ich dann aber
bei der Premierenfeier auf eine Masse an Menschen traf, merkte ich, dass mein
Wortschatz doch sehr spezifisch auf dieses Stück beschränkt war und ich mit, woffe
(Wau-Wau), skilnaður (Scheidung), Stóll (Stuhl) und Pabbi er í skóm (Papa trägt eine
Hose),…nicht wirklich weiterkam, aber ein Anfang war es natürlich nichtsdestotrotz.



Zufallsbegegnung im Café: Mein Weg zur Uraufführung von "Brím"
Die nächste Produktion, die für mich anstand, hatte ich mit einer Mail bekommen, denn
Doli lernte ich kennen, als er im Cafe von Tjarnabío saß. Wir unterhielten uns darüber,
dass er in Berlin lebt und studiert, wie es ihm gefällt bisher und über seine Pläne- auf
Deutsch und Englisch. Danach schrieb ich ihm, dass ich interessiert wäre, an seiner Oper, die er dort derzeit erarbeitete, mit neun SängerInnen und vier Musikern. Ein Werk, bei dem er den Text verfasst hatte, mit einem Kollegen, der die Musik dazu komponierte – eine Uraufführung. In der Oper Brím dreht es sich um Kunst, Geld und Vetternwirtschaft. Es ist ein opernhafter Bildungsroman, der sowohl mit Form als auch Inhalt spielt. Mit Live- Projektion, bewegender Musik und Humor begleitet man im Stück Nína Brím dabei, wiesie in der Kunstwelt Fuß fasst, ihre Identität formt und sich mit ihrem Erbe ihres
berühmten Künstler-Papas auseinandersetzt. Diese Oper hatte ein riesiges Bühnenbild, in dessen Bauprozess ich so viel lernen
konnte. Wir hatten zwei professionelle BühnenbildnerInnen/HandwerkerInnen, Auður
und Guðni die zunächst ein wenig skeptisch waren, dann aber merkten, dass ich einfach
alles ausprobieren und von Ihnen lernen wollte und kein Problem damit hatte richtig zu
arbeiten, zu schleppen oder dreckig zu werden hahah. Ich sägte mit verschiedenen
Sägen, hämmerte, schoss mit der Tackerpistole (neben dem Spachteln mein Favorit),
maß ab, schraubte, lernte zu spachteln, strich und schliff. Ich bekam den 101 Grundkurs
im Bauen und hatte gefühlt endlos viel Energie. Ich glaube, ich könnte jetzt so in der
Theorie ein kleines Haus bauen!
Neben diesen Arbeiten war ich, wie bei Kafteinn Fræbar, ebenfalls Regie- und
Technikassistenz. Wir arbeiteten mit einer Livekamera, die Projektionen auf unsere
gebauten Wände warf, das war echt ein toller und eindrucksvoller Effekt, mit dem man
schön arbeiten konnte. Brím wurde für drei Grímuverðlaun nominiert - Die isländischen
Theaterpreise.
Mit diesen Menschen und Kollegen in Kontakt zu kommen, sich auf Augenhöhe zu
unterhalten und ihnen zur Hand zu gehen, hat mich nicht nur inspiriert, sondern auch
motiviert, dass ich das auch kann.
Es war interessant zu sehen, wie selbstständige Künstler dort hinkommen und Produktionen dort stattfinden, die in der
Thematik, Größe, Zielgruppe und im Aufwand nicht unterschiedlicher sein könnten.
Eine Vielfalt an Kunst unter einem Dach. Tjarnabío war ein toller Ort für mich einen Einblick in die Realität des Theaterbetriebs
eines unabhängigen Theaters zu bekommen.
Ich reiste ab mit einer Idee im Kopf und Supporter in meinem Rücken.
