Erasmus-Tagebuch

von Helena Alexandra Pavlópoulos


Hospitanz in Athen bei Thomas Ostermeiers
“Ein Volksfeind”

Eine Erfahrung, an die ich mein gesamtes Leben zurückdenken werde

Im Herbst 2025 durften Julia Reisser (Absolventin Athanor Akademie 2025) und ich (2. Jahrgang) im Rahmen einer Erasmus+ Mobilität in Athen zu Gast sein und bei den Proben zu Thomas Ostermeiers Inszenierung “Ein Volksfeind” am Knossos Theater Athen hospitieren.

Möglich wurde dieses Praktikum durch Christoph Schletz, Dozent für Rollen- und Szenenstudium an der Athanor Akademie, der bereits seit 2009 als Regieassistent für einige Produktionen mit Ostermeier arbeitet. Christoph fragte mich schon in meinem ersten Studienjahr, ob ich mir vorstellen könnte, ihn im Rahmen der Produktion nach Griechenland zu begleiten – und ich dachte gleich begeistert: klar, warum nicht?

Vorfreude auf Athen und das Ankommen im Team

Bevor ich Anfang September in Athen ankam, war meine Erwartungshaltung an die bevorstehende Zeit ambivalent. Zum einen war ich voller Vorfreude auf die Stadt, besonders auf den Kontrast zum Idyll Passau: Großstadtleben in einer europäischen Hauptstadt, neue Menschen, verschiedene Kulturen, gemeinsam draußen essen, Nachtleben – und natürlich auch auf die Proben im Theater und die Begegnung mit Ostermeier. Gleichzeitig war ich aber auch nervös. Ich wusste nicht, wie die Menschen im Theater auf mich reagieren würden, ob ich in die Struktur hinein passe - sogar die Frage, ob ich als Hospitantin nicht stören würde, kam mir. Ich fragte mich, ob ich mich eher als Gast oder als Teil des Teams fühlen würde.

Diese Unsicherheit legte sich jedoch schnell. Schon am ersten Probentag war spürbar, mit welcher Offenheit und Herzlichkeit das gesamte Team arbeitete. Als ich dort ankam, war ich total begeistert, dass das Team überwiegend aus Frauen besteht. Alle haben uns sofort willkommen geheißen und sich gefreut, dass Julia und ich da waren.

Mein Aufgabenbereich war vielseitig. Ich half beim Umbau der Bühne zwischen den Übergängen, kontrollierte Requisiten, unterstütze bei der Koordination zwischen Ton-, Licht- und Requisitenabteilung und notierte während der Proben Regieanweisungen und Kritik für die Darsteller:innen. Nach den Durchläufen durfte ich die Notizen mit Christoph an die Schauspieler:innen weitergeben. Außerdem konnte ich bei der Auswahl und Besprechung der Kostüme mitdiskutieren, was mir auch einen Einblick in die visuelle Ebene der Inszenierung gab.

Am wertvollsten war für mich jedoch die Möglichkeit, Ostermeiers Arbeitsweise direkt zu beobachten. Er arbeitet mit einer starken situativen Genauigkeit, orientiert an der Meisner-Technik. Mit dieser Technik sollen Schauspielende in der Lage sein, direkt aufeinander zu reagieren, spontan und instinktiv auf das Verhalten des Gegenübers zu reagieren, statt sich auf vorab geplante Emotionen zu konzentrieren, wodurch echte emotionale und authentische Reaktionen erzeugt werden. Es war beeindruckend zu beobachten, mit welcher Präzision und inneren Logik Ostermeier nach diesem Prinzip jede Szene mit den Schauspieler:innen minuziös erarbeitete, wodurch ich auch ein stärkeres dramaturgisches Verständnis entwickelte.

Für mich als Schauspielerin hat sich dadurch eine neue Herangehensweise ergeben: Anstatt von einem inneren Zustand oder einer Vorstellung der Figur auszugehen, beginne ich nun damit, die äußeren Umstände einer Szene so konkret wie möglich zu erarbeiten und daraus das Handeln der Figur abzuleiten. Dieses Prinzip hat meinen Blick auf die Arbeit an Monologen und Szenen wesentlich erweitert und mir einen direkteren Zugang zu authentischem Spiel verschafft.

Was ich von Thomas Ostermeier gelernt habe: Die Kunst, echt zu spielen

Theaterszene und neue Freundschaften - auch das war inspirierend

Abseits der Proben bot sich uns die wunderbare Gelegenheit, tief in die lebendige Theaterszene Athens einzutauchen. Gemeinsam mit Julia besuchten wir Vorstellungen in den unterschiedlichsten Häusern der Stadt. Besonders eindrücklich waren die Besuche im Amphitheater Odeon des Herodes Atticus, direkt unterhalb der Akropolis, wo wir Zeugen einer Aufführung von König Ödipus wurden, sowie das Lycabettus-Amphitheater, malerisch in einem alten Steinbruch gelegen, wo wir Antigone erleben durften. Antike Theaterkultur in modernen Zeiten - so bleiben die Ursprünge des Theaters bis heute lebendig.

Rückblickend bin ich unglaublich dankbar für die gesamte Zeit. Dankbar für die vielen inspirierenden Begegnungen, die neuen Freundschaften und die Herzlichkeit und das Vertrauen, das mir von allen Seiten entgegengebracht wurde. Vor allem aber bleibt die Möglichkeit, persönlich von Thomas Ostermeier zu lernen, unvergessen.

Die Hospitanz in Athen war für mich nicht nur eine unvergleichlich wertvolle Lernerfahrung als angehende Schauspielerin, sondern vor allem eine tiefgreifende menschliche Bereicherung, die mich noch lange auf meinem Weg begleiten wird.